Es gibt klügere Ideen, als sich einen der heißesten Tage des Sommers 2026 auszusuchen, um mit einem Targa-offenen Oldtimer 200 Kilometer im Bodensee Gebiet und Westallgäu zu fahren. Wir haben es trotzdem getan. Bei circa 39 Grad im Schatten sind wir zur 29. Lindau Klassik gestartet: Im elektrifizierten Porsche 914 von 1973 und mit einer Beifahrerin, die an diesem Tag gleich zwei Jobs hatte: Dorothee Kammel, Redakteurin der Schwäbischen Zeitung, dem reichweitenstärksten Medium der Region, saß nicht nur zum Navigieren neben mir, sondern auch, um darüber zu schreiben.

Startkulisse zum Verlieben
Schon der Blick auf den Lindauer Hafen am frühen Morgen hätte die Anreise gerechtfertigt: Reihe um Reihe standen die Klassiker in der Morgensonne, vom Vorkriegsmodell bis zum Youngtimer der 90er. Kaffeeduft, Croissants, leise Schmatzgeräusche von Startnummern, die auf Lack geklebt werden. Für dieses Bild allein lohnt sich diese Rallye schon.

Unsere Sorge war eine andere: Würde der 914er die Hitze mitmachen? Ein umgebauter Oldtimer mit E-Antrieb, der stundenlang in der prallen Sonne bergauf und bergab fährt? Die Sorge war unberechtigt. Der Wagen fuhr die gesamte Strecke souverän und ohne die kleinste technische Schwäche, dafür mit gut hörbaren Lüftern im Heck des Porsches. Wo früher ein Vierzylinder-Boxer nach zehn Sekunden erst bei Tempo 100 ankam, drückt der E-Motor mit 185 PS heute in vier Sekunden mit Nachdruck in die Sitze.
Startnummer 66 und dann erstmal allein
)Unter den 66 Fahrzeugen war unser Porsche wieder die Ausnahme von der Regel. Weil er in keine der klassischen Kategorien passte, bekamen wir die Sondernummer 66 und damit den letzten Startplatz. Die Teams gingen im Minutentakt auf die Strecke und als für uns endlich die Fahne fiel, war vom restlichen Feld schon nichts mehr zu sehen (und zu riechen 😉). Kein Verfolger, an dem man sich später orientieren könnte, falls man sich verfährt. Ein Nachteil, der sich im Laufe des Tages noch bemerkbar machen sollte.
Kleine Straßen, große Aussicht
Die Streckenführung war wieder ein Glücksgriff: kaum Bundesstraße, dafür kurvige Nebenstraßen, die sich bergauf und bergab durch Hopfenfelder und kleine Ortschaften zogen, immer wieder mit einem Blick auf den See, der einem fast das Navigieren vergessen ließ. Fast. Denn dazwischen lagen Durchfahrtskontrollen, die sicherstellten, dass niemand abkürzt und Sonderprüfungen wie beispielsweise die 90-Sekunden-Etappe: eine vorgegebene Strecke exakt in dieser Zeit zu fahren, jede Sekunde drüber oder drunter kostete Strafpunkte. Mit dem Handy als Stoppuhr statt echter Zeitmesstechnik hatten wir dabei keine Chance gegen die Profis im Feld.
Die eigentliche Herausforderung aber war das Roadbook selbst: klassisch aufgebaut, nur mit Pfeilen und Entfernungsangaben. Im Rallye-Jargon liebevoll „Chinesenzeichen“ genannt. Für Dorothee als Navigations-Neuling eine echte Feuertaufe. Nicht jeder Pfeil war eindeutig, und so trafen wir immer wieder andere Teams, die genauso ratlos an einer Kreuzung standen wie wir. Genau das macht aber den Reiz einer solchen Tour aus: hohe Konzentration, gemeinsames Rätseln und am Ende doch wieder der vermeintlich richtige Weg.

Wie sich das aus der Beifahrerinnen-Perspektive angefühlt hat, beschreibt Dorothee Kammel in ihrem Artikel für die Schwäbische Zeitung sehr unterhaltsam. Ein Blick von außen auf unsere kleine Elektro-Extratour, der sich zu lesen und zu sehen lohnt.
Aufgeschlossenheit, wo früher Skepsis war
Landschaftlich war die Tour das Beste, was der Süden Deutschlands zu bieten hat: See, Allgäu, schmale Straßen, wenig Verkehr. Und mittendrin wir, mit unserer Sonderstellung als einzigem E-Fahrzeug im Feld, oft im Gespräch mit anderen Teilnehmenden über Sinn und Zweck unserer Aktion. Das Interesse war groß, die Zustimmung ungewohnt hoch.
Das war nicht immer so. Noch vor zwei Jahren galt der Umbau eines Klassikers auf Elektroantrieb in manchen Kreisen als Sünde am Kulturgut Oldtimer. Diesmal begegneten uns fast nur offene, neugierige Gesichter. Ein Stimmungsbild, das zeigt, wie sehr sich die Akzeptanz von Elektromobilität in kurzer Zeit verschoben hat.

Ein Wermutstropfen zum Schluss
Nach der Zieleinfahrt, der Siegerehrung und einem guten Essen in geselliger Runde blieb trotz aller Erschöpfung ein nachdenklicher Moment: Es könnte die letzte Lindau Klassik in dieser Form gewesen sein. Über 30 Jahre organisiert der Motorsportclub Scuderia Lindau diese Rallye mit enormem ehrenamtlichem Einsatz. Doch Nachwuchs für die Organisation ist rar geworden, wie Sportleiter Markus Gapp augenzwinkernd, aber nicht ganz unernst anmerkte: Die Organisatoren seien inzwischen älter als die Autos, um die sie sich kümmern. Ob 2027 wieder gestartet wird, steht in den Sternen.

Bleibt zu hoffen, dass sich jemand findet, der diese Tradition weiterträgt. Und falls nicht: Wir waren dabei, mit einem Auto, das zeigt, dass Tradition und Wandel sich nicht ausschließen müssen.
